Wie desinformiere ich in Sachen Fracking richtig? Ein Lehrbeispiel von „Die Welt“

Ende des Jahres 2013 traten Bewohner der Ortschaften Söhlingen und Hemslingen mit der Vermutung an die Öffentlichkeit, dass es in ihrem privaten Umfeld (Familie, Freunde und Bekannte) vermehrt zu Krebsfällen käme. Ein Verdächtiger war schnell ausgemacht, nämlich die Förderung von Erdgas im Umkreis der Ortschaften. Für diese Vermutung ursächlich sind wahrscheinlich räumlich eng begrenzte unterirdische Austritte von krebserregendem Benzol an einer Lagerstättenwasserleitung.

Erdgasförderbohrung Söhlingen-Ost Z2 chef79

Erdgasförderbohrung Söhlingen-Ost Z2 chef79

Auf die Vermutung hin wurde für das Gebiet der Samtgemeinde Bothel, zu der die beiden genannten Ortschaften gehören, eine Sonderauswertung durch das Epidemologische Krebsregister Niedersacksen (EKN) durchgeführt. Im Ergebnis, dass in einer Kurzfassung vorgestellt wurde, zeigte sich, dass von den 15 untersuchten Diagnosegruppen lediglich in einer eine signifikante Erhöhung der Fälle.

Dabei handelte es sich um die Gruppe „Leukämien+Lymphome (männlich)“. Hier wurden statt der erwarteten 21,3 Fälle 41 festgestellt. Bei der Gruppe „Leukämien +Lymphome (weiblich)“ lagen die Neuerkrankungen dagegen mit 15 leicht unter den 16,8 erwarteten Fälle. Insgesamt war über den 10-jährigen Beobachtungszeitraum im Gegensatz zu den Behauptungen einer Bürgerinitiative vor den Untersuchungen (siehe: Erhöhte Krebsfälle in Bothel – Werden Opfer politisch instrumentalisiert?) kein Anstieg zu verzeichnen.  Das EKN wies zudem darauf hin, dass eine Aussage zu den Ursachen zum gegenwärtigen Zeitpukt nicht möglich ist.

Dennoch suggerierten Medien wie die TAZ oder die Kreiszeitung mit Artikelfotos, dass die Erdgasförderung verantwortlich sein könnte. In der Einleitung zum TAZ-Artikel heißt es z.B.:

Laut einer Studie sind Männer in einer niedersächsischen Gemeinde häufiger als gewöhnlich an Blutkrebs erkrankt. Ursache könnte die Erdgasförderung sein.

Doch „Die Welt“ setzte dem noch eins oben drauf und behauptete in einem Online-Artikel vom 15.10.2014:

Häufung von Leukämie, Fracking unter Verdacht

Das widerspricht nicht nur in eklatanter Weise der oben genannten Schlussfolgerung der EKN sondern auch den bisherigen Suggestionen, es könnte die Erdgasgewinnung sein. Nun soll es aber plötzlich das Hydraulic „Fracking“ Fracturing sein. Das Verfahren ist zwar in zahlreichen Bohrungen der Region angewendet worden, dauert aber je Fracvorgang nur 1-2 Stunden an.

Vielleicht ist aber auch der Gesamtprozess der Erdgasförderung gemeint. Schließlich wollen das Bürgerinitiativen unter „Fracking“ verstehen. Im Regelfall aber dann wiederum nur die Schiefergasgewinnung als Ganzes. In Ausnahmefällen ist es dann wieder nur der Prozess des Hydraulic Fracturing (beispielsweise in der Erdölbohrung „Barth 11“). Verwirrend!

Ziemlich verwirrend bzw. irritierend ist auch der Rest des Artikels von Die Welt. So ist zu lesen:

Noch gibt es nur die eklatante Abweichung bei den Leukämiefällen, aber keine gesicherten Erkenntnisse über die Ursache der Erkrankungen.

Diese Darstellung entspricht nicht dem EKN-Bericht, der überhaupt keine Ursache benennt. Weder ungesichert und schon gar nicht gesichert. Unmittelbar danach wird fortgesetzt:

Aber das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat im Sommer dieses Jahres an einem in der Nähe gelegenen Förderplatz erhöhte Quecksilberwerte festgestellt.

Hiermit wird deutlich ein Zusammenhang von Erdgasförderung und Krebserkrankungen suggeriert. Dabei ist Quecksilber zwar als hochgiftig eingestuft, gilt aber nicht als krebserregend.

Hintergrund des Artikels ist offenbar der Besuch des niedersächsischen Umweltministers Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen) an der Versenkbohrung für Lagerstättenwasser „Wittorf Z1“. Diese befindet sich im Gebiet der Stadt Visselhövede und wird von RWE-Dea betrieben. Dass der Artikel mehr zusammengestümpert denn recherchiert ist, wird auch anhand dieses Satzes deutlich:

RWE Dea fördert in Visselhövede.

Nein, dass tut RWE-Dea nicht. Das Unternehmen betreibt lediglich die genannte Versenkbohrung im Gemeindegebiet von Visselhövede. Dieser Irrtum ist jedoch harmlos gegenüber der Desinformation, die im letzten Abschnitt folgt, zu vernachlässigen! Dort wird zunächst in Bezug auf die Anwendung des Fracverfahrens in Schiefergaslagerstätten das behauptet:

Dabei wird mithilfe toxischer chemischer Mittel das Erdgas aus Schieferschichten gelöst und gefördert.

Diese Darstellung des Fracverfahrens ist vollständig daneben gegangen. Hydraulic Fracturing ist ein Prozess, bei dem mittels Druckübertragung durch eine Flüssigkeit, dem Fracfluid, Festgestein aufgebrochen („frakturiert“) wird. Um die dabei entstandenen Risse offenzuhalten, wird dazu ebenfalls durch das Fracfluid ein Stützmittel (Sand, Keramikkügelchen, Schwerminerale wie Korund oder Zirkon) in diese gepumpt. Über die erzeugten Risse kann das Erdgas aus der Lagerstätte herausfließen. Chemische Reaktionen, die das Erdgas aus den Gesteinsschichten lösen, finden dabei nicht statt. Vielmehr dienen die (chemischen) Zusätze, die dem Fluid in geringer Konzentration beigefügt sind, dazu, den Prozess der Rissbildung und des Stützmitteltransportes zu unterstützen.

Und es wird noch schlimmer, was die Falschdarstellung des Hydraulic Fracturing betrifft:

Beim klassischen konventionellen Fracking, das auch in Niedersachsen angewendet wird, geht es dagegen um Gas aus weitaus tieferen Schichten und um weit weniger gefährliche Chemikalien in geringeren Mengen.

Es ist zwar richtig, dass die konventionellen Lagerstätten in Niedersachsen, in denen bislang gefract wurde, teilweise erheblich tiefer liegen als die vermuteten Schiefergaslagerstätten, aber das war es dann auch schon. Denn tatsächlich ist die Anzahl von (chemischen) Zusätzen für tieferliegende Gesteinsschichten erheblich höher.Das trifft ebenso auf die Konzentration zu. Diese liegt bei Fracs in Schiefergaslagerstätten in geringerer Tiefe bei < 0,5 % und bei „konventionellen demgegenüber bei 2 % bis 5 % (siehe z.B.: Range Ressources Fracfluid Schiefergas und ExxonMobil Fracfluid Sandstein).

Die Pauschalaussage, dass diese „weit weniger“ gefährlich sind als die für Schiefergasfracs ist ebenfalls nicht zutreffend. Es kommt immer auf die jeweilige Rezeptur an und speziell in Deutschland sind Fracfluide in der Entwicklung bzw. entwickelt worden, die keine giftigen, umweltgefhrdenden oder gesundheitsgefährdenden Substanzen enthalten (Quelle). In der Vergangenheit war das sicherlich nicht der Fall. Dennoch war die Gesamtmischung weder giftig oder umweltgefährdend. Dafür war der Anteil von als giftig, umweltgefährdend oder gesundheitsgefährdend eingestuften Substanzen am Gesamtfluid von wenigen Masseprozent einfach zu gering.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieser Artikel ein Paradebeispiel für miserable Recherche und daraus resultierender Desinformation bezüglich der inländischen Erdgasgewinnung im Allgemeinen und dem Stimulationsprozess des Hydraulic Fracturings im Speziellen darstellt. Bei derlei unseriösem Journalismus zu den genannten Themen selbst in bedeutenden Medien, auch wenn es sich hierbei um einen Artikel einer Regionalredaktion handelt, ist es wenig erstaunlich, dass verbreitet Skepsis bis Ablehnung in der Bevölkerung anzutreffen ist.

Vielen Dank an dieser Stelle an Herrn Schwarz vom „VISIO – Wirtschaftsjournal“ für den Hinweis zum Artikel.

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